11.05.2007

#10 (das bild (den körper) teilen)

(tiefenschärfe)
nach der schießerei: sie teilen sich das bild, die einstellung. sie sehen sich nicht (keiner sieht den anderen). der blonde (lee) (genannt the fire) steht auf der straße, an der wand neben der haustür gelehnt. dieses stück wand mit seinem oberkörper nimmt die linke hälfte des bildes ein. rechts davon die offene haustür, eine treppe. der dunkelhaarige (bucky) (genannt the ice) steht oben, am ende der treppe, vor einer tür im ersten stock.
nachdem er (bucky) mit der dunkelhaarigen frau geschlafen hat: er ist aus dem haus gerannt. er steht im garten. hinter ihm das haus, die dunkelhaarige (madeleine) ist am fenster, schaut aus dem fenster und schließt es. – unter dem blick der blonden (kay), die sagt: „sie sieht aus wie das ermordete mädchen… du spinnst.“
tiefenschärfe als instrument eines split screens in einem bild: eine kontinuität erzeugend, wo sie nicht ist: im nebeneinanders der schärfe des nahen vordergrund und des entfernten hintergrunds. (die physiologische unmöglichkeit diesen blicks)

davor (jedoch nach der schießerei), im haus des blonden (lee): sie (kay) steht im ersten stock, am ende der treppe, sie trägt eine unterhose, ein offenes nachthemd. sie stellt sich – den blicken des dunkelhaarigen bucky.

(schuss-gegenschuss mit einer toten)
er: sitzt im polizeigebäude. die bräunlichen töne dieser räume. er raucht. konzentrierter blick.
sie: steht sitzt kniet hockt in schwarz-weißen bildern. rechts und links des circa rechteckigen bildes, 2 graue streifen. sie spricht, antwortet auf fragen. sie lacht, schmeichelt, weint.
ein reines gegenüber, in keinem bild zu vereinen.

lees körper und der körper des mörders, der mit dem strick an seinem hals hängt, kippen über die brüstung: ein geschoss im treppenhaus. sie fallen kopfunter im treppenhaus. ein sturz in mehreren einstellungen (in gemäßigter zeitlupe), von unten, von oben. ein fallen ohne beschleunigung: kein fallen, eher eine fahrt. fahrt nach unten, zum springbrunnen auf den der kopf des mörders zerschmettert wird. – unter dem blick des dunkelhaarigen bucky. („ich war wie gelähmt“)
(„viscosité du temps“. hier ein sehr schöner text von j.s. über das herzzerreißende mancher zeitlupen in filmen von de palma)
(the black dahlia, muss ich nun hinzufügen, lässt einen eher kalt)


the black dahlia, usa 2006 (brian de palma)

08.05.2007

#9

ungeschminkte straßen (so sagt eine weibliche stimme aus dem off): tagsüber ungeschminkte straßen. wir sehen eine breitere, dann eine engere straße, geschäftige passanten. die häuser sind mit leuchtreklamen bepflastert. leuchtreklamen, die, weil tag ist, nicht leuchten. wir sind im viertel ginza. ginza ist (oder war) das vergnügungsviertel tokyos. das viertel, wo geschäftsmänner in bars einkehren, um von schönen frauen getränke eingeschenkt zu bekommen. wir sind in ginza zu einer tageszeit, wo noch keine kunden in ginza sind. und die weibliche stimme aus dem off, die hier anfängt ihre geschichte zu erzählen, benutzt folgendes bild: die bars / die straßen in ginza zu dieser tageszeit wie ungeschminkte gesichter.

gegen anfang des films bleibt die kamera zwei mal hinter ihr, hinter ihrem rücken, wartet bis sie den kopf zur seite dreht.
das erste mal: sie läuft, mit dem manager, über eine brücke. er bleibt stehen, die kamera bleibt auf seiner höhe stehen und sie macht noch ein paar schritte. wir sehen sie von hinten, wie sie noch ein paar schritte macht und dann stehen bleibt an der brüstung. sie schaut erst auf das wasser (oder: auf die schienen. oder was auch immer. ich kann mich nicht erinnern. sie schaut auf das überbrückte (und ich würde vermuten: sie sieht nicht mehr, als ich in meiner erinnerung)) und dreht dann ihren blick nach rechts, sodass wir ihr gesicht, ihr profil entdecken. sie sagt dabei: „ich hasse schnaps. ich muss jeden tag schnaps trinken, wegen der kunden, und ich hasse es“.
das zweite mal: kurz danach. eine enge straße in ginza. eine leiche wird getragen. die leiche eines mädchens. an einer kreuzung steht ein krankenwagen, davor eine kleine menschenmenge. sie steht auch da, blickt auf den krankenwagen. wir sehen sie, im vordergrund, ihren rücken, neben ihr eine zweite frau, mit der sie spricht, dahinter der krankenwagen, in den die leiche gebracht wurde. der krankenwagen fährt nach links ab. sie folgt ihm mit ihrem blick, dreht den kopf nach links, sodass wir ihr gesicht, ihr profil entdecken. sie sagt dabei nichts.

ungeschminkt: der film.
ein geschminktes gesicht, ein ungeschminktes gesicht. ein film über / um ein gesicht (und hier sei vermerkt wie schön das gesicht der hideko takamine ist). um viele gesichter: mit schminke, ohne schminke. ein gesicht ist eine fläche. ein film über / um / aus flächen, nebeneinander gestellt. gesichter, flächen, fassaden.
ungeschminkt gewissermaßen wie unschön, im sinne wo ein gesicht, das sich täglich schminkt, ungeschminkt unschön wirken würde.
oder ungeschminkt auch wie halb geschminkt. verwischte schminke.
nebeneinander gestellte gesichter, weil nebeneinander gestellt wird, was nebeneinander ist.
der film wandert von einer bar in die nächste. mädchen sitzen in einer bar, reden über sie, über ihre abwesenheit, dass sie mit dem boss einen termin hat. und dann sitzt der boss in einer bar, sie kommt herein…

sie wird krank. und zum ersten mal sieht man eine art landschaft, ein stadtbild mit offenem horizont. kleine häuser an einer wasserfläche. sie wohnt bei ihrem bruder, wo man das plätschern des wassers hören kann.
doch schnell versteht man: im haus des bruders ist es noch stickiger als in den bars in ginza.

ich erinnere mich an ein drittes mal (es gibt noch andere male, nur, ich kann mich eben an diese 3 male erinnern), wo sie mit dem rücken zur kamera steht und den kopf zur seite dreht, uns ihr gesicht entdeckt: in ihrer wohnung. der bruder ist da, der betrüger wird in wenigen augenblicken klingeln. sie steht in ihrem zimmer (sie wird in wenigen augenblicken weinen). sie dreht sich mit zorn nach links. sie sagt: „ich bin eure beute“.

das erste mal bei ihr zuhause hatten wir sie mit der jungen yuri gesehen. sie hatten zusammen gefrühstückt. sie hatte ihr von ihrer einsamkeit erzählt. von ihren tricks gegen einsamkeit (der alkohol…). sie hatte beim erzählen unentwegt gelächelt.

traurig, dachte ich, von anfang an todtraurig. eine ungeschminkte traurigkeit.
die dauer des films ist die zeit, die nötig ist, um die fläche dieser traurigkeit zu bemessen.

der breite stoffgürtel, den japanische frauen um ihren kimono tragen, wird obi genannt.
wenn sie nach einer langen nacht zuhause ankommt, wenn sie aus der bar in den hinterraum flüchtet, wenn sie schnaps getrunken hat, knetet sie mit ihren händen am vorderen teil dieses gürtels. sie drückt auf ihn, drückt dabei auf ihren bauch. sie windet dabei ihren oberkörper. sie zieht und drückt. sie kämpft mit einem stück stoff, das sie sich um die hüfte gebunden hat.


onna ga kaidan o agaru toki (wenn eine frau die treppe hinaufsteigt), japan 1960 (mikio naruse)

26.04.2007

#8 (trauer) (teil 2)

1:27:08
/sand. fast die hälfte des bildes nur sand: das sandige ufer eines flusses. krähen, im hintergrund, am flussufer 2 hockende figuren. hinter dem wasser grünes gebüsch/
/45° von hinten links: eine frau und ein mann hocken im untiefen wasser. sie wäscht gemüse, er wäscht zwei lange holzstäbe, die in dem sand stecken/
schuss-gegenschuss (die frau von 90° rechts, der mann von 90° links)
in der ersten einstellung beginnt sie zu sprechen. sie schaut zunächst nach unten, auf das gemüse, das sie gerade wäscht. dann erhebt sie den kopf und dreht ihn nach rechts zu dem mann/der kamera.
in der zweiten einstellung antwortet er und erhebt dabei seinen kopf, der auf seine im wasser arbeitende hände gerichtet war, und dreht ihn nach links zu der frau/der kamera.
sie sprechen über die vielen krähen, ein zeichen, dass eine beerdigung stattfinden würde, und wundern sich, aus dem krematorium keinen rauch aufsteigen zu sehen.
in der vorletzten einstellung dreht der mann seinen kopf wieder nach vorne, von der frau weg.
in der letzten einstellung macht die frau dieselbe bewegung.
/45° von hinten links: die frau und der mann hocken im untiefen wasser. sie nehmen ihre arbeit wieder auf/
/das menschenleere flussufer. 3 krähen. hinter dem gebüsch am gegenüberliegenden ufer des flusses ein kamin aus rotem ziegel/
/nahaufnahme: blauer himmel, der kamin/
1:27:54

1:29:23
/ein friedhof. angereihte grabsteine. hinter den gräbern, ein deich. auf dem deich laufen, von links nach rechts, 2 frauen, identisch gekleidet in schwarzem kimono. sie laufen nebeneinander, machen halt. sie kehren der kamera den rücken, gehen, nebeneinander, synchron in die hocke/
/45° von hinten rechts: die beiden identisch gekleideten frauen (sie sind schwestern) hocken am rand eines weges. genauer gesagt kommen sie in die hocke an, beenden die in der vorherigen einstellung von weitem beobachtete bewegung. sie blicken nach vorne. die ältere schwester beginnt zu sprechen. sie wendet dabei den blick auf ihre schwester/
schuss gegenschuss (die ältere schwester von 90° rechts, die jüngere schwester von 90° links)
sie sprechen von den zukunftsplänen der jüngeren schwester, von wichtigen entscheidungen. die jüngere schwester sagt: „ich zweifle“. und dann entscheidet sie: „ich werde nach sapporo fahren.“
in der letzten einstellung nickt sie, dreht danach den kopf langsam nach vorne.
/45° von hinten rechts: die ältere schwester dreht ihren kopf nach vorne. nach einer kurzen pause schauen sie sich kurz an und beginnen dabei, sich wieder langsam aufzurichten. sie schauen wieder nach vorne/
/vorne die grabsteine, hinten der deich auf dem sich 2 schwarze figuren langsam aufrichten, nebeneinander, synchron/
1:31:02

(trauergesellschaft)
1:33:48
/45° von vorne links: die dritte schwester. sie trägt einen schwarzen kimono. sie kniet hinter dem tisch, vor ihr auf dem tisch eine graue tasse auf einer schwarzen untertasse. hinter ihr eine grau blaue wand, links hinter ihr auf einem regal eine vase im selben grau wie die tasse auf dem tisch. ein kaum wahrnehmbares zucken in ihrer rechten wange. dann wischt sie sich mit einem tuch unter das linke auge. und dann schluchzt sie. sie führt ihre linke hand mit dem taschentuch auf ihren mund. ihr kopf fällt nach vorne/
1:34:00
/eine andere frau sitzt am selben tisch. wir sehen sie im profil, von ihrer linken seite. im vordergrund eine ecke des tisches. hinter ihrem rücken, auf der rechten seite des bilds die grau blaue wand, vor ihr, auf der linken seite des bilds, ein innenhof: eine wand aus holz, hinter der eine rote mauer aus ziegelsteinen ragt, davor rote blumen. sie dreht den kopf langsam nach rechts und nach oben. sie hat etwas gesehen. sie schaut nach links, in den raum rein, schaut wieder nach rechts. sie erhebt sich/
1:34:08
/im vordergrund der tisch mit der trauergesellschaft, im hintergrund die öffnung zum hof. die frau, die an der schwelle zum hof saß, erhebt sich. sie tritt in den hof. alle gäste erheben sich, bewegen sich auf den hof zu/
1:34:23
/aus dem kamin aus rotem ziegel quillt weißer rauch/
1:34:28

1:35:17
/die sandbänke am ufer des flusses. krähen. hinter den büschen des gegenüberliegenden ufers der kamin aus rotem ziegel, aus dem weißer rauch quillt/
/45° von hinten links: die frau und der mann hocken im untiefen wasser. sie wäscht gemüse, er wäscht 2 lange holzstäbe. sie schaut nach oben. sie erhebt sich/
/die frau von 90° rechts: sie beginnt zu sprechen. sie schaut kurz nach rechts zu dem mann, lässt ihren blick ansonsten nach vorne gerichtet/
/der mann von 90° links: er antwortet und erhebt dabei seinen kopf, der auf seine im wasser arbeitende hände gerichtet war, und schaut nach vorne. er erhebt sich/
/45° von hinten links: die frau und der mann stehen im untiefen wasser. sie reiben sich die hände/
/das menschenleere flussufer. 3 krähen. hinter dem gebüsch am gegenüberliegenden ufer des flusses der rauchende kamin aus rotem ziegel/
schuss-gegenschuss (die frau von 90° rechts, der mann von 90° links)
sie sprechen im stehen, den blick nach vorne gewendet.
in der vorletzten einstellung sagt er einen längeren satz, mehrere sätze vermutlich. es sind rhythmische worte, ein spruch oder ein gedicht. silben wiederholen sich. in der übersetzung steht nur: die alten sterben, die jungen nehmen ihre plätze. er blickt beim sprechen unentwegt nach vorne. zu beginn der einstellung liegt seine rechte hand auf der linken hand vor seinem bauch. die handfläche ist dem himmel zugewendet. nach der letzten silbe, die er spricht, bleibt sein mund offen.
in der letzten einstellung lächelt die frau. sie antwortet dem mann. sie sagt, so sei eben die welt. ihr lächeln blüht beim sprechen auf. als wäre dieser satz ein glück. als wäre das aussprechen diesen satzes ein glück. lächelnd bückt sie sich, geht wieder in die hocke.
/45° von hinten links: die frau und der mann gehen wieder in die hocke, kurz versetzt, und nehmen ihre arbeit wieder auf. der mann wischt sich mit einem feuchten tuch den nacken/
1:36:28


kohayagawa-ke no aki (der herbst der familie kohayagawa) (dernier caprice) (the end of summer), japan 1961 (yasujirô ozu)

23.04.2007

#7 (schläfrig)

rosa
sie steht hinter der theke. sie trägt ein helles kleid. auch ihre lockigen haare sind hell. sie bleibt hinter der theke stehen. sie ist ein oberkörper über der theke, ein heller oberkörper: 2 arme, ein kopf. sie ist das bescheidene mädchen.

raquel
sie kommt hereinspaziert. sie läuft in das café. man sieht hinter einem fenster, wie sie die straße entlang geschlendert kommt. dann erscheint sie in der tür des cafés, dreht sich nach rechts, um in das café einzukehren, und wippt bei dieser drehung mit den hüften. sie trägt eine weiße bluse und eine schwarze, eng anliegende weste. ihr lockiges haar ist schwarz. sie trägt einen kleinen schwarzen hut, der quer über ihre stirn geht. natürlich raucht sie. sie tanzt auch. sie ist die femme fatale.

die männer tragen alle anzug und hut. nur der helligkeitsgrad der anzüge (im schwarz-weißen bild) variiert. unter den tief getragenen hüten sind sie kaum zu unterscheiden. außer natürlich dem helden carlos (carlos gardel) und seinem freund linares.
die haupteigenschaft der männer ist, dass, wenn eine frau alleine vor einer tür oder theke steht (wenn rosa alleine vor der tür des tanzsalons in buenos aires steht, wenn raquel alleine am rande der tanzfläche desselben lokals steht, wenn rosa alleine vor der tür eines séparées desselben lokals steht, wenn raquel alleine vor der theke des new yorker lokals steht…), ein mann (mindestens ein mann) mit hut und anzug erscheint, der fragt, ob die frau alleine sei, fragt, ob die frau etwas trinken wolle, fragt, ob die frau tanzen wolle. und nicht immer auf ihre antwort wartet.

„solita?“

kein wunder, unter solchen bedingungen, dass es unter den männern zu handgreiflichkeiten kommt. mit folgenden waffen: messer, flasche, revolver.

kein wunder auch, dass die frau hinter der theke am sichersten bewahrt bleibt. treu und geborgen.

so geht es also in buenos aires. und so geht es in paris weiter, so geht es in new york weiter. zwischendurch schlafe ich (und bin mir letzendlich nicht sicher, was in paris, was in new york geschieht, und ob der held wirklich nach new york kommt).

zum schluss wird buenos aires besungen und wieder erreicht.
dort wartet rosa, hinter einem vorhang hinter der theke.


cuesta abajo (abwärts), usa 1934 (louis j. gasnier)

13.04.2007

#6 (l'enfer des sables)

(auf der insel)
er sitzt auf einer niedrigen mauer, hinter ihm das meer. und plötzlich merkt man: sein atem stockt (zumindest habe ich es plötzlich bemerkt, vielleicht auch nur, weil ich erst auf das meer schaute, zerstreut war…). man merkt, sein atem stockt. er atmet ein, und bei jedem einatmen scheint es, die luft würde stecken bleiben. der kopf (gewissermaßen der obere teil des kopfes) erhebt sich dabei leicht (als würde also der kiefer unbewegt bleiben): bei jedem atemzug dieses stockende erheben des kopfes. man versteht diese bewegungen nicht (und deshalb, vielleicht, nimmt man sie erst mit verspätung wahr). atemnot, schluchzen?
dann steht er auf, steht unbeholfen. der oberkörper scheint auf den beinen sein gleichgewicht zunächst suchen zu müssen (ich weiß nicht, ob das einer tatsächlichen bewegung des oberkörpers entspricht). ein unbeholfener körper in einer uniform, die die proportionen verzerrt und den eindruck der unbeholfenheit und ungelenkigkeit nur verstärkt. die unteren knöpfe des schwarzen fracks liegen weit oben auf dem bauch, die schultern mit den üppigen epauletten sind breit: ein kurzer, breiter oberkörper hält sich über lange weiße beine, die erst über die knie: über die langen, steifen stiefeln beginnen, und wird oben beendet mit hohen epauletten und einem steifen kragen, aus dem kein hals herausragt, sondern gleich: der kopf. ist das ein burlesker körper? oder der pathetische kampf des körpers (seiner instinkte) gegen die (uni)formen, die ihn bezwingen?
er ist also aufgestanden. er steht da, am meer, und dreht sich um sich selber, d.h. tritt humpelnd im kreis, auf unebenem boden. er geht, links.

(im salon)
„…on ne saurait mieux empocher sa tabatière.“
sie grüßt nach rechts, doch hält sich nicht auf, geht weiter, wendet dabei den kopf und wirft ein wort nach links. sie ist ein vor- und rückschreiten, ein wenden und drehen ohne unterbrechung. in ständiger, geschmeidiger bewegung zeichnet sie mit ihrem körper arabesquen durch den salon: mit ihrem ganzen körper – ein ständiges wenden nicht nur des kopfes, ein drehen um die eigene ständig in bewegung gehaltene achse. sie sagt ein wort nach da, geht dabei vorbei, dreht sich um den adressaten und sagt schon ein zweites wort nach dort, „ma tante…“, und sie schreitet auch schon in die entgegengesetzte richtung weiter. der hals als grazilsten ausdruck ihrer fließenden präsenz.

(darum wird es also gehen: der hals. alles dreht sich um den hals, den bezaubernden hals der jeanne balibar, den verborgenen hals des guillaume depardieu.
der ursprung allen unglücks: sie ist nur hals, er hat keinen)

(in ihrem boudoir)
plötzlich bewegt er sich nach links. wie ein geschoss bewegt er sich plötzlich nach links. der oberkörper leitet die bewegung – ein stürzen nach links, und dann ein undefinierbares räuspern, zu lang für ein einfaches husten. er dreht sich nach rechts, dreht sich um sie. „wie soll ich es sagen, dass ich sie liebe…“

sie steht am kamin, er steht zu ihrer rechten seite. sie blickt abseits, nach links. langsam wendet sie ihren blick ihm zu und macht zeitgleich schritte nach hinten. dämpft, indem sie zurücktritt und so die entfernung vergrößert, die intensität des blickes.

sie sitzt nach links gewendet an ihrer kommode. in zügigem rhythmus macht sie sich mit einem fächer luft. sie wird beim fächern immer langsamer, legt den fächer ab. langsam dreht sie sich auf ihrem hocker. sie dreht sich um 180 grad, beugt sich dabei leicht nach vorne (am ende der bewegung also nach rechts auf der leinwand). sie stürzt sich nach rechts, dem umschlag, den sie zerrissen hatte, zu.


(stimme von jeanne balibar)
„en vérité, monsieur le marquis, vous regardez mon cou d’un air si mélodramatique […] qu’il me semble vous voir une hache à la main.“

(la contredanse)
sie steht im tanzsaal, entrückt. ihre blicke: verloren. die schnellen körper der tänzer durchqueren im vordergrund das bild. ihr verlorener, wandernder blick im hintergrund. dann wird sie bei der hand genommen: ein tänzer nimmt sie selbstverständlich bei der hand, reißt sie aus der starre. sie tanzt, immer schneller. sie wird selber zu einem dieser schnellen körper im tanzsaal.

sie versteift.
das fließende ihres schreitens durch die pariser salons ist geschwunden.

(in seiner kammer)
und da sitzt er nun in einem stuhl oder sessel. in meiner erinnerung hält er sich mit einer hand das kinn. gedankenvoll, ein starren. in meiner erinnerung (so der eindruck, den er mir hinterlassen hat), sackt er, wenn er sitzt, immer zusammen, sackt sein oberkörper zusammen (keine spur eines halses, wenn er sitzt). das von oben einfallende licht lässt seine augenhöhlen im dunklen, nicht nur die augenhöhlen: sein augenbrauenbogen zeichnet einen markanten wulst, der nicht nur die augen, auch den ansatz der nase im dunkeln verweilen lässt. es scheint, unter dem massiven stirnbein würde sich etwas entziehen: ein zentraler ort, der im dunkeln bleibt.
wenn er sich nach links dreht (oder war es nach rechts?), um auf die uhr zu schauen, sieht man am unteren rand der rechten (oder linken?) wange eine lange narbe.

elle pleura quand elle atteignit le boulevard d’enfer. là, pour la dernière fois, elle regarda paris fumeux, bruyant, couvert de la rouge atmosphère produite par ses lumières…

irgendwann zwischendurch hatte man gesehen: schwarze leinwand und zwischen gedankenstrich und punkt zwei wörter
- en vain.


ne touchez pas la hache, frankreich 2007 (jacques rivette)

31.03.2007

#5 (trauer)

(für b.d.)

eben noch hatte er gefragt, wie es ihm ginge, und keine antwort erhalten. sie hatte nur gesagt: kommt herein.

1:24:40
/sie laufen durch den kleinen hof, sie laufen rechts rum. sie kommen aus einem beleuchteten raum und laufen auf den gegenüberliegenden raum zu. der hof ist dunkel. eine laterne aus stein erzeugt einen kleinen von zwei feinen balken gekreuzten hellen rechteck, doch sie spendet kein licht. die rechte seite der laterne mit ihrem verzierten dach sowie die zweige einiger pflanzen zeichnen sich als schwarze profile vor den wänden des dahinter liegenden erleuchteten raums. sie laufen rechts rum durch den kleinen dunklen hof, die gastgeberin voran, dann der schwiegersohn, dann die ledige tochter. die gastgeberin verschwindet im erleuchteten raum. der schwiegersohn und nach ihm die ledige tochter halten vor der schwelle des raums an: er steht vor der schwelle, sie kommt zu ihm, zu seiner rechten seite, setzt einen letzten schritt und bleibt mit einem leicht angewinkelten linken bein stehen: zwei schwarze profile, gestalten, die mit ausnahme des linken fußes der tochter von keinem licht getroffen werden. sie machen vor der schwelle kurz pause, dann schreiten sie beide mit dem rechten fuß in den raum, nicht ganz synchron, denn sie ist in ihrer bewegung leicht verspätet, denn sie hat sich auf ihn gerichtet, um den schritt zu setzen. zwei dunkle figuren, zwei schwarze figuren, die nun auf ihrem linken kontur von den lichtquellen des raums erleuchtet werden – die beine der tochter unter anderem: der teil ihrer beine, der unter ihrem das knie nicht ganz bedeckenden rock zu sehen ist. sie schreiten in den raum, sie machen synchron einen zweiten schritt, einen dritten, mit dem sie ihre beine wieder zusammenbringen. von ihr kann man nichts anderes sagen als: sie setzt ihre schritte – ein setzen des rechten fußes, des linken, der wie aus ehrfurcht oder vorsicht die zehen leicht erhebt, bevor er den boden erreicht, und wieder des rechten fußes, bei dem dieses heben der zehen durch den blickwinkel verborgen bleibt. dann beugt sich der schwiegersohn leicht nach vorne, greift dabei über den knien an seine hose. er geht in die hocke: sie gehen in die hocke, eine fast synchrone bewegung, wieder ist sie leicht später als er, kaum merkbar. er beugt sich in der bewegung nach unten mit dem oberkörper leicht nach vorne, sie bleibt beim niedersinken sehr gerade. sie gehen in die hocke, sinken weiter, und nachdem ihre knie den boden erreicht haben, beugen sich beide leicht nach vorne, bevor sie sich auf ihre füße setzen und den oberkörper wieder gerade richten können. und bevor sie ganz auf dem boden angekommen sind, kurz vor dem ende der bewegung/
1:24:57
/im vordergrund am unteren rand des bildes eine schwarz blau hellrosa bemusterte decke. wir sind im beleuchteten raum jenseits des hofs, sehen die tochter und den schwiegersohn von vorne, wie sie vor dieser decke knien, wie ihre oberkörper sich senken, bis sie ganz auf dem boden angekommen sind, bis die in der vorherigen einstellung von dunklen gestalten begonnene und nicht ganz bis zum ende, bis zum stillstand durchgeführte bewegung nun im licht mit diesem leichten sinken mit gleichzeitigem aufrichten des oberkörpers zu ihrem endpunkt gebracht wird. ihre blicke bleiben dabei einem punkt im rechten hors champ zugewendet, verlassen diesen punkt während der gesamten bewegung nicht. er kniet rechts, trägt hemd, krawate und anzug. sie kniet links, trägt ein schwarzes kleid mit weißem kragen. beide halten ihre hände auf den beinen. sie hält ihre rechte hand, vielleicht wegen der weißen handtasche, die sie um den rechten arm hält, leicht höher als die linke hand. sie blicken aus unterschiedlicher höhe (im knien ist er einen halben kopf größer als sie) nach rechts unten/
1:25:01
/nahaufnahme. er (der vater, wir wissen es) liegt auf einer weißen matratze, den körper unter einer schwarz blau hellrosa weiß bemusterten decke, das gesicht unter einem weißen taschentuch verborgen. zu sehen bleibt sein kinn und den schwarz weißen kragen eines kimonos. rechts im vordergrund steht eine blaue schale mit rauchenden weihrauchstäbchen auf einem braunen teller. links davon sind sorgfältig aufgereiht: ein weißes tuch mit blauem muster, darauf eine taschenuhr, dahinter einen zusammengefalteten fächer und noch dahinter ein portemonnaie, das auf dem, was ein heftchen oder eine brieftasche sein könnte, liegt/
1:25:04
/im vordergrund die schwarz blau hellrosa weiß bemusterte decke, aus der in der rechten seite des bilds zwei füße hervorschauen. dahinter kniet die gastgeberin, die frau, die den schwiegersohn und die tochter in den raum geführt hatte. langsam, in breiten bewegungen wedelt sie mit einem fächer von links nach rechts, von rechts nach links. es ist die art von fächer, die nicht zusammengefaltet werden können und aus einer mit papier (oder anderem material?) bespannten ovalen form, die an einem stiel angebracht ist, bestehen. sie sagt: es ist so plötzlich gewesen. um 8:23…

später fragt er sie, ob er etwas gesagt hätte, worauf sie ihm antwortet, er habe zweimal gesagt: das ende… schon das ende.


kohayagawa-ke no aki (der herbst der familie kohayagawa) (dernier caprice) (the end of summer), japan 1961 (yasujirô ozu)

09.03.2007

#4

schwarze quader, aufgestapelt. holzregale voller aufgestapelter quader: tuschestäbchen. langsam gleitet die kamera an den dunklen holzregalen, nach oben, in richtung einer lichtquelle. sie gleitet die regale lang. von oben dringt weißes licht in den raum, doch die öffnung, durch die dieses licht eindringt, bleibt unsichtbar. bevor sie sie erreichen würde, schwankt die kamera nach links, gleitet weiter an regalen voller trocknender tuschestäbchen, schwebt: ein schweben durch dunkle räume. stille, und dann ein leises, klares klingeln. (ting)…(ting)…(ting)… eine glühbirne, eine weiße wand an der waagerecht eine leiter aus holz hängt. die kamera dreht nach rechts, folgt einem gang. sie schwebt an fenstern vorbei auf der rechten seite des gangs, verharrt vor den fenstern und blickt auf die ateliers hinter den fenstern. die wände sind weiß, die rahmen der fenster rot. man hört kinderstimmen. „wird das abgehen?“ „ja, das ist doch nur holzkohle“. auf einer fensterscheibe spiegelt sich ein hof, 2 kinder um eine rote form. im atelier schwarze pressen. die kamera gleitet nach oben, zu den dächern, dem weißen himmel, gelingt in den hof. grelles, weißes licht. 2 kinder – beide tragen ein weißes hemd, dunkle kurze hosen – hocken um einen roten plastikeimer. der eine junge wischt dem anderen mit einem schwamm das schienbein ab. sie sprechen, lachen. „schwarz, wie tinte“ sagt einer. plötzlich hört das klingeln auf: in der stille springt der eine junge auf, in zeitlupe sieht man ihn losrennen und hört wie er dabei herausfordernd „shun“ ruft. der andere junge springt auch hoch, rennt ihm hinterher. durch die gänge des hauses, auf die strasse. sie laufen die engen strassen eines wohnviertels entlang. sie wechseln immer von einer strassenseite zur anderen, berühren einen pfeiler und wechseln die strassenseite, springen hoch um ein schild zu berühren und wechseln die strassenseite, immer einer nach dem anderen, lassen ihre hände an eine wand fahren und wechseln die strassenseite. das regelmäßige klingeln hat wieder begonnen. es ist lauter geworden und wird von einer litanei begleitet. sie laufen enge strassen entlang, kehren rechts in eine gasse ein. dann kommen sie durch ein holztor in einen garten. lautes grillenzirpen. im garten ist das metallische klingeln nicht mehr zu hören. die beiden jungen rennen auf den kies, kreisen um bäume. die kamera schwankt ihnen hinterher: ein heftiges schwanken, doch ohne hast: ein spielerisches verfolgen. sie lässt zwischendurch einen jungen aus dem blick, oder bleibt stehen, lässt sie rennen, fängt sie an der nächsten straßenecke wieder auf. sie haben den garten verlassen. sie laufen eine weiße wand entlang, der erste junge biegt rechts in eine enge gasse ein, der zweite folgt ihm, und plötzlich ist der erste junge verschwunden. er war abgebogen; er ist nicht mehr da. der andere junge bleibt stehen, schaut auf eine tür, links, auf ein tor, rechts. „kei ist verschwunden“ sagt er dann seinen eltern, die gleich um die ecke vor dem eingang zum tempel, aus dem das leise gleichmäßige klingeln tönt, sitzen. vor dem tempel hört man noch jemand sagen: „als hätten die götter ihn geholt“. schwarzblende.

(shun und yu)
er hatte an einem portrait von ihr gezeichnet.
sie fahren eine breitere verkehrsstrasse lang: er fährt fahrrad und sie steht auf der achse des hinteren rads, hält sich mit ihren armen an seinen schultern fest. sie fahren an einer schranke vorbei, die, nachdem sie über die schienen gefahren sind, anfängt zu klingeln (bing)…(bing)…(bing)… sie fahren die engeren strassen eines ruhigen wohnviertels lang, an einer kleinen baustelle vorbei. sie hält sich sehr steif auf dem fahrrad, blickt ab und zu leicht zur seite. dann sind sie in einer animierten einkaufstrasse. sie kommen mit ihrem fahrad auf die kamera zu. der wind spielt mit ihren haaren. shun fängt an zu pfeifen, kurz vor dem schnitt. dann wieder engere, ruhige gassen. sie biegen mehrmals nach rechts und links. sie tragen schuluniform. er trägt eine schwarze hose und ein weißes hemd, sie trägt schwarze strümpfe, einen schwarzen rock und ein weißes hemd. an einer strassenecke wedelt der wind ihren rock hoch und ihre weiße unterhose ist kurz zu sehen. kurz danach springt sie vom rad ab, läuft nach links ohne sich umzuwenden, während er mit dem rad nach rechts weiterfährt.
sobald er alleine ist, ist das leichte metallische klingeln wieder zu hören.
(ting)…(ting)…(ting)…

(shun)
In seinem zimmer. er sitzt und knöpft sein weißes hemd zu. er hört stimmen: sein vater und ein anderer mann.
„kei... gibt es was neues? habt ihr ihn wiedergefunden?“
„ja“

(yu)
lautes grillenzirpen, rhythmische männerstimmen
nahaufnahme. sie steht vor einer weißen wand, auf der ein unruhiger wind die schatten dichten geästs bewegt. ihr blick ist nach unten gerichtet, hat etwas leidendes, wendet sich nach rechts, kurz nach oben, wandert dann von rechts nach links, während der wind ihre schwarzen haare leicht bewegt. dann läuft sie, alleine, durch die strassen, die sie auf dem fahrrad stehend langgefahren war. an der baustelle vorbei.

„die zeit ist gekommen“, sagt die schwangere mutter.

(ting)…(ting)…(ting)…
im tempel schlägt ein bonze mit einem kleinen hammer auf eine metallene trommel. im kreis um ihn sitzen menschen an einer riesigen holzperlenkette, die sie im kreis um den bonzen drehen. im rhythmus der hammerschläge fügen sie ihre hände zusammen, bringen dabei mit der rechten hand eine perle zu ihrer linken hand, um anschließend die hände wieder auseinanderzuführen und dabei mit der linken hand dem linken nachbarn die kette weiterzureichen, die sie zugleich mit ihrer rechten hand von ihrem rechten nachbarn wieder greifen. dabei murmeln sie ein gebet, preisen den buddha. auf der kette gibt es größere holzperlen (mindestens 2, wie es mir scheint), die derjenige, der sie gerade in der hand hat, zu seiner stirn führt.

„die erinnerungen sortieren“, meint der vater.
danach reibt er sorgfältig ein tuschestäbchen, greift nach einem breiten pinsel und schreibt unter den blicken der mutter und des sohnes. wir sehen sein konzentriertes gesicht, hören die geräusche des sich windenden pinsel auf dem papier.
wir sehen, dass er geschrieben hat:
schatten
licht

die kamera schwankt, macht halt, setzt sich wieder in bewegung. sie ist ein begleiten und ein zögern in der begleitung. man kann denken: sie ist ein mitfühlen. oder: sie ist der abwesende. das begleiten durch den abwesenden, durch das abwesende. die bewegungen einer abwesenheit.

straßenfest. plötzlicher dichter regen. der die musik fast übertönt. die tänzer nur noch helle schatten im weißen regenfall. ekstatisches erlöschen.

(shun und yu)
er hatte ihr das portrait von kei gezeigt.
sie rennen durch die engen strassen des ersten ruhigen wohnviertels, an der kleinen baustelle vorbei. er greift ihre hand. dann sind sie in der animierten einkaufstrasse. sie laufen auf die kamera zu. dann wieder die engeren, ruhigen gassen. sie biegen mehrmals nach rechts und links. sie tragen schuluniform. es ist ein rennen bis zur erschöpfung. sie kommen an ihrem haus vorbei, biegen durch ein holztor in den garten mit kies. (im kino (das erste mal sah ich den film auf einer leinwand, d.h. wirklich gesehen habe ich ihn nicht, denn), im kino war mir schon längst schlecht geworden, wie mir schon einmal schlecht geworden war vor einem film von kiarostami (die iranischen straßen). mir wurde schlecht, ich saß vorne und es gab keine ausweichmöglichkeit, der saal war voll. und mir war so übel, dass ich die augen schließen musste, dass ich nur noch auf die untertitel schaute, wenn etwas gesagt wurde) sie rennen auf dem kies, an der hausecke vorbei, wo sie ihn geküsst hatte. und dann kommen sie an, und: es ist gar nichts. die mutter macht sich gerade auf den weg in den gemüsegarten (es fehlt hier, an anderer stelle, die beschreibung dieses gartens, der pflanzen, blumen…). auch yus mutter, die nicht ihre mutter ist, ist da. und nun gehen die frauen in den garten, ernten auberginen, und dann ist es doch wirklich soweit: die wehen.

man geht ins haus. die mutter liegt, und alle sitzen um sie herum (d.h. naomi kawase liegt und die schauspieler sitzen um sie herum. die regisseurin ist die mutter ist naomi kawase: regisseurin, schauspielerin, mutter. in einem anderen film auch (dieser andere film heißt tarachime) ist sie das alles gleichzeitig, bzw. wird in diesem film die regisseurin und schauspielerin zur mutter; ich sah das kind, das vor der vorführung im kinosaal gealbert hatte, aus ihrem geschlecht gleiten. die erste einstellung dieses anderen films war rot glänzend: die gebärmutter). die mutter liegt, alle anderen sitzen und atmen mit, und dieses rhythmische ein- und ausatmen ist ein mitfiebern, gesang, gebet, performance, die totale konzentration aller anwesenden auf dieses atmen eines einzelnen körpers: des gebärenden körpers.
und dann ist das kind geboren,
die nabelschnur getrennt.
das kind ist gewaschen
und die sonne geht auf.
die kamera zieht sich zurück.
verlässt das haus,
kehrt zurück zu den trocknenden tuschestäbchen.
zwischen den lagerhallen erklingen zwei kinderstimmen.
„wird das abgehen?“
„ja, das ist doch nur holzkohle“.
bis in die schwärzeste ecke zieht sich die kamera zurück,
ecke in der unerwartet eine tür sich öffnet zum himmel über den dächern der stadt nara, die langsam schwebend verlassen wird.


shara (licht und schatten), japan 2003 (naomi kawase)

23.02.2007

#3

sie stickt. ein großes B, loorbeerzweige. aus dem off das läuten einer uhr. es ist 4. sie blickt auf, steht mit ihrem werk in der hand auf, geht aus dem zimmer, geht bis zum ende des gangs, ruft die treppe herunter, der tee solle dem herrn gebracht werden, geht den gang zurück. der gang ist auf der einen seite offen und führt um das erste stockwerk eines innenhofs. links die türen zu den zimmern, rechts das geländer. vogelgeschnatter aus dem off, sie blickt überrascht auf, scheucht die vögel. sie kehrt in das zimmer zurück, nimmt das taschentuch aus dem rahmen, setzt sich auf das bett, mit dem rücken gegen eine säule des baldachins am fussende gelehnt. aus dem off erklingt die stimme eines strassenverkäufers. sie greift nach einem buch, das auf dem bett lag, blättert im buch, steht mit dem buch in der hand auf. sie verlässt das zimmer, geht zur bibliothek. das mitgenommene buch wird eingeräumt. ihre hand streift über bücherrücken. sie fängt an zu singen. die hand nimmt ein buch aus der bibliothek. nun sehen wir ihr gesicht, erst durch das glas der offenen schranktür, dann wird die tür geschlossen. sie blickt nach unten auf das buch. leichte schnelle trommelschläge aus dem off. sie blickt überlegen nach links, blickt auf das aufgeschlagene buch zurück. sie lässt die offene seite nicht mehr aus dem blick, summt ihr lied im rhythmus der trommel weiter, dreht sich um und die kamera (und wir) lassen ihren nacken nicht aus dem blick. mit langsamen schritten, summend, den blick auf ihr buch nähert sie sich dem fenster. in ihren schritten neugierde, in ihrem summen gleichgültigkeit. oder eher: den augenblick der ungewissheit genießend. (ihn dehnend in poetischer lektüre). sie klappt die jalousien auf, sieht auf der strasse einen mann mit zwei tieren an der leine, der mit langen dünnen stäben den rhythmus schlägt. sie klappt die jalousien wieder zu, verlässt mit etwas schnelleren schritten den raum, läuft den flur lang, geht in das zimmer, wirft das buch auf das bett, holt aus dem sekretär ein fernglas. sie läuft zurück, den gang entlang. ihre schritte scheinen sich beschleunigt zu haben. die kamera gleitet die balustrade entlang. die waagerechten streifen ihres saris werden an einer stelle, da wo der gefaltene stoff hängt, durch senkrechte streifen unterbrochen. vor dem stoff baumelt die linke hand mit dem fernrohr, davor schnellen die stäbe der balustrade den bildschirm entlang, von rechts nach links, da sie sich von links nach rechts bewegt. dann ist sie wieder am fenster. durch das fernrohr erkennt man, dass der mann 2 affen mit sich führt. den rhythmus erzeugt er nicht mit seinen stäben sondern mit einer kleinen doppelseitigen trommel, an der mit fäden 2 steine angebracht wurden, die durch rhythmisches drehen der hand abwechselnd auf beide seiten der trommel schlagen. aber der mann ist schon dabei sich umzudrehen, bald ist er weg und das trommeln hört auf. links aus dem off erklingt eine rhythmische litanei. sie blickt nach links, geht zum nächsten fenster, klappt dessen jalousien auf und sieht 4 träger mit einer senfte durch das feld ihres fernrohrs laufen, danach in entgegengesetzter richtung ein dicker mann mit regenschirm. sie folgt dem mann von fenster zu fenster, während das trommeln des mannes mit den affen wieder zu hören ist. dann gibt es noch verkäufer etc… sie verlässt die verschlossenen fenster, schreitet gelangweilt durch den salon, streift mit den händen an den leeren sesseln, setzt sich ans klavier, spielt 2 noten. schritte erklingen aus dem off. sie klappt das klavier zu, steht auf.

sie hört etwas, was sie nicht sieht. und wir folgen ihr.

(im zimmer)
sie sitzt am fussende des betts, den rücken gegen die säule des baldachins. er sitzt vor dem bett auf einem tiefen sessel. sie sprechen von schriftstellern. aus dem off erklingt ein schnarchen: die zweite frau, die karten spielen wollte, ist eingeschlafen.
und so flüchten sie in den garten.
sie schaukelt, er liegt. ihr name ist charulata, wie der film, sie wird charu genannt. sein name ist amal. er hatte ihr den anstoß auf der schaukel gegeben. sie singt, ihr gesicht im auf und ab der schaukel. sie hört mit dem singen auf. man hört das knarren der seile der schaukel. er liegt im garten auf dem rücken. sie sprechen kurze wörter, wenige silben nur. kann man diese silben beschreiben? im unteren teil des bildschirms steht in gelblicher schrift (ich übersetze aus dem französischen):
was träumst du?
ich denke
was?
ans schreiben
was schreiben?
ich denke!
was?
ich denke!
wenn du denkst, dann schreib!
das heft fällt vom himmel.

sie wird nunmehr immer öfter im hintergrund stehen. hinter scheiben, hinter durchsichtigen stoffen. sie schaut. sie hört zu. oft schaut sie nicht. ihr nacken, ihr profil im hintergrund. sie hört.
oder sie ist alleine. sie hält ihre hände gefaltet, gegen dem oberen ende der brust. immer wieder. sie fasst sich mit den händen am hals. sie zerknittert mit den händen einen brief. aus dem off kommt nichts, sie zu unterbrechen.

selbst am strand braucht sie ein fernrohr, um das meer zu sehen.


charulata, indien 1964 (satyajit ray)

10.02.2007

#2

am anfang wird russisch gesprochen. es geht um dostojewski; es geht um tschechow, der starb; es geht um Puschkin, der starb; es geht um tolstoi, der starb; es geht um gogol und um seine nase, die immer noch ihren schatten wirft.

ballet der blicke in der bar: das ausmachen des opfers.
er steht an der bar, links von ihr. er bestellt sich eine wodka (es scheint auf finnisch nicht wodka zu heißen). er schaut sie an, spricht sie an (sagt, soweit ich mich erinnern kann, nur hallo). sie dreht sich ab, dreht sich nach rechts. ihre begleitung, die rechts von ihr stand, kommt links zu ihm, sagt er solle verschwinden. er geht, das glas wodka in der hand, doch wirklich gehen tut er nicht. nur ein paar schritte nach rechts. er stellt sich gegen eine holzwand. die klotür geht auf, erschlägt ihn fast. man sieht andere paare: frauen mit gleichgültigem blick in begleitung von männer in anzügen. die blicke der frauen sind indifferent. die blicke der männer richten sich auf ihn. sie sehen alle auf ihn. er steht an der holzwand mit seinem glas in der hand. (das alles, ich kann das jetzt nur bedauern, hätte ich mir detaillierter merken sollen: ich hätte mir jeden schritt merken sollen, ich hätte mir jeden blick merken sollen. und die farben erst)
danach geht er zu einer bude, auf der in roten buchstaben GRILLI steht. er bestellt sich zwei würste.

er wird, wenn er genannt wird, koistinen genannt.

(ballern, rattern…)
sie sitzen im kino. er sitzt rechts von ihr, sein gesicht lehnt mit der linken wange an den kinosessel, den blick auf ihren kopf gerichtet, der nach vorne gerichtet konzentriert, expressionslos schaut. ihre haut ist hell. das wechseln der helligkeit der leinwand spiegelt sich auf ihr gesicht.
(rockmusik)
sie stehen an einer wand, er steht schräg hinter ihr. er schaut auf die bühne, schaut auf sie. sie schaut auf die bühne. das tanzende publikum vor ihnen wirft tanzende schatten auf die blaue mauer und auf beide gesichter: bewegte schatten, die ihre gesichter in hell und dunkel teilen.

in der kellerwohnung (1)
sie sitzen nebeneinander am couchtisch. sie wechseln wenig worte. ich kann mich an die reihenfolge der details nicht erinnern. nur am wanken der blicke. sie senkt ihren blick, er schaut zur seite. es ist kein blicken ins leere. sie sehen in den hors-champs, wechseln von einem punkt zum anderen. es ist ein undurchschaubares tanzen. wir wissen nicht auf was sie blicken, nur dass sich ihre blicke nie kreuzen werden.
dann steht sie auf, er greift zur flasche, etc… (tango finlandés)

in der kellerwohnung (2)
der schmuck liegt auf dem couchtisch. er sitzt davor, rollt sich eine zigarette. man hört es von draussen donnern. er befeuchtet das papier mit der zunge, zündet sich die zigarette an, raucht ein paar züge. schaut nach oben.
dann steht er gegen den roten pfeiler zwischen küchenzeile und eingang. steht. lehnt mit ganzem körper gegen den pfeiler (auch mit dem leicht nach hinten gekippten kopf). dann stürmt die polizei rein. sein körper wird von den polizisten gegen den roten pfeiler gedreht. es ist eine schnelle bewegung. er wird mit der echten wange gegen den roten pfeiler gehalten.

die jahreszeiten vergehen. das gefängnis ist ein bau aus roten ziegeln. im hof wächst ein bisschen unkraut. die gefangenen tragen schwarz rot gestreifte anzüge. es ist sommer. die gefangenen sitzen im hof. koistinen sitzt unter ihnen. er hört anderen zu. er lächelt, fast könnte man sagen er lacht. man hört ein russisches lied, wenn ich mich recht erinnere. man hört nicht was gesagt wird. die einstellung des lächelnden koistinen erscheint mir in meiner erinnerung wie ein dokument, kaum ein teil des films. so wie gezeigt wird: nach dem winter kommt der sommer; so wird auch gezeigt: er sitzt im hof des gefängnisses und lächelt (oder lacht). es wird nur gezeigt, während davor und danach (im film) gehandelt wird.

die frau von der mit GRILLI signalisierten bude besucht ihn in seinem heim. er trägt ein rotes hemd. sie trägt über das helle kleid ein rotes jäckchen. sie freut sich, dass er die hoffnung nicht aufgegeben hat.

sie wird eine wüste durchqueren, um seine hand zu halten.


laitakaupungin valot (lichter der vorstadt), finnland 2006 (aki kaurismäki)

07.02.2007

#1

deine mutter hat mich verlassen, sagt er. er sagt es ein paar mal, er sagt es unterschiedlichen leuten. jedem sagt er es ein mal: deine mutter hat mich verlassen. (und dass sie dabei gewütet hat, dass sie ihm nichts gelassen hat, dass sie ihn an der hand verletzt hat)

(der raum der erinnerung)
sie sitzen in einem niedrigem raum mit wänden aus grauem beflecktem beton. die decke scheint nach links leicht abzusinken, es ist jedoch anzunehmen, dass dies einer verzerrung der kamera zuzuschreiben ist. auf einem kleinen niedrigen tisch mit heller sprelakat oberfläche stehen 2 thermoskannen. die hälfte des tisches und die unteren teile der 2 kannen werden durch ein rechteck schräg einfallendes lichts beleuchtet. es ist ein helles blendendes licht, das auf die glatte tischfläche strahlt und durch spiegelung auf die oberen teile der wände schimmert. rechts und links des tisches sitzen 2 männer, die anfangen karten zu spielen: ein schnelles kartenspiel. die karten werden energisch auf den tisch geworfen. bei jeder dieser bewegungen des etwas jüngeren mannes, der rechts vom tisch sitzt, interferiert sein arm mit dem den tisch erleuchtenden lichtstrahl und/oder mit den gespiegelten lichtstrahlen, die vom tisch abgeworfen die wände erleuchten. die lichtflecken auf den befleckten wänden bewegen sich im rhythmus der armbewegungen und der abgeworfenen karten, während der mann links vom tisch, der deutlich älter ist, anfängt, einen brief an eine frau laut aufzusagen. wenn wir uns wieder sehen, verschönern wir unser leben für mindestens 30 jahre. ich trinke einen schluck jugend und werde gestärkt zu dir zurückkommen, sagt er. danach geht es noch um kleider, um blumen, um ein auto und um ein haus: ein haus aus lava. und irgendwann ist das spiel zu ende gespielt, die punkte sind gezählt. die lichtflecken sind wieder erstarrt. es gibt keinen stift, den brief aufzuschreiben.

(gasse)
er kommt die stufen runter, beugt sich leicht nach vorne, um in den raum (eine werkstatt) zu schauen, beugt sich zurück, senkt den blick nach unten. ein mann in rot kommt aus dem raum, grüßt und sie steigen die treppen hoch. kurz danach sitzt er mit dem mann in rot an einem tisch und zeigt seine hand (das blut ist schon getrocknet), er hält sie hoch: eine längliche hand mit länglichen weißen fingernägeln.
das zweite mal: er kommt die stufen runter, beugt sich etwas stärker nach vorne, um in den raum zu schauen, beugt sich zurück, bleibt so stehen, nach einer weile, glaube ich, ändert er die blickrichtung, nach rechts oder nach links, ich weiss es nicht mehr genau, ich glaube, dass sein blick sich dabei leicht nach unten senkt. der mann in rot kommt aus dem raum, grüßt und sie steigen die treppen hoch. danach sitzen sie wieder am selben tisch.
später, etwas später sitzen sie wieder an einem tisch, in einem anderen raum (ein raum mit weißen wänden). der mann in rot schält einen apfel, gibt dem älteren mann den halben apfel.

(wiederholung des briefs)
er sagt: jeden tag erfinde ich neue wörter für dich, oder: jeden tag finde ich neue wörter für dich. er wiederholt den brief, vervollständigt ihn. der raum der erinnerung ist der raum des gesprochenen briefs. man betritt ihn durch eine holzbaracke. unter einem kleinen mit draht versehenem fenster werden kopfbedeckungen und taschen an 2 hacken aufgehängt.

(der raum der erinnerung)
sie sitzen am hellen sprelakat tisch, der von keinem einfallendem licht befallen ist. es sind stifte da, und der rechte mann, der jetzt wieder rechts vom tisch sitzt, nimmt einen stift und fängt an mit diesem stift die oberfläche des tischs zu zerkratzen. der linke mann, der jetzt wieder links vom tisch sitzt, diesmal jedoch mit dem rücken zu uns gekehrt, der linke mann hat einen plattenspieler auf den tisch gestellt, geöffnet und hat eine platte aufgelegt. mit seinen länglichen fingern hält er den rechten mann beim zerkratzen der tischoberfläche an. ich weiß nicht mehr, ob dabei etwas gesagt wird.

den raum der erinnerung gibt es nicht: er ist längst abgerissen worden.

(zwischen weißen wänden)
die weißen wände sind real. innen und außen: alle wände sind weiß. er (der ältere mann) liegt auf dem boden, die rechte hand auf der brust. die hand schlägt wie ein herz (sa main palpite): bei jedem rhythmischen drücken der 3. und 4. finger auf die brust werden die anderen finger sowie der handrücken leicht angehoben.

es gibt auch keinen himmel: nur ein strahlendes weiß. quelle scharfer lichteinfälle und diffuser spiegelungen: im treppenhaus, in der weißen wohnung, in den bruchbuden des abgerissenen viertels. es gibt keinen himmel: nur wände, mauern, flächen, und kantige öffnungen.

(wiederholung des briefs)
später im brief geht es auch um eine mauer, ich kann mich an den satz nicht erinnern: ich habe angst, die mauer zu errichten, oder: ich habe keine angst, die mauer zu errichten, oder: ich fürchtete mich davor, die mauer zu errichten, ich habe den sinn des satzes vergessen, ich glaube, ich habe ihn nie ganz verstanden. nur das weiß ich noch: dass er mit seinem maurerwerkzeug und sie mit ihrem schweigen die mauer errichtet haben (oder errichten, oder errichten werden, oder errichten könnten, oder nie errichten werden, oder…). nur das weiß ich mit sicherheit: er mit seinem werkzeug, sie mit ihrem schweigen.


juventude em marcha (colossal youth), portugal 2006 (pedro costa)