20.07.2007

#14 (der film und sein echo)

schon 3 wochen, nein, schon mehr als 3 wochen, dass ich den film gesehen habe, und immer noch nichts geschrieben: das schreiben immer verschoben, denn wie soll ich das beschreiben, dieses einfache glück im kino… ich erinnere mich an das grüne eines bananenbaums, an den orangen stoff eines mönchskleides, an das lächeln des mönchs, an die stimme des mönchs (und ich glaube mich zu erinnern, dass ich einen satz wie: die bilder haben den sanften farbigen ton der sprache, die gesprochen wird gedacht hatte). ich erinnere mich an farben und stimmen. es war eine spätvorstellung nach einem langen tag, ich saß im roten sessel und ließ mich treiben von den bildern, von farben und stimmen, fragmenten von erzählungen, die ich in den untertiteln las: dass ein junger mönch sich wie durch einen zauber in seinem orangen kleid gefangen fühlt, dass ein junger mann orchideen züchtet und seltene arten sammelt. erzählende, fragende, singende stimmen. und farben. sich wiederholende erzählungsfragmente, wiederholungen und verformungen. der film wie ein echoraum (wie jeder film von apichatpong weerasethakul beinhaltet syndromes and a century sein eigenes echo).




nach der vorführung, vor dem einschlafen, hatte ich noch folgendes aufgeschrieben:
im büro der ärztin: eine balkontür und 2 fenster, die fenster um etwa 20° geöffnet. links des linken und rechts des rechten fensters hängen 2 zusammengebundene rosa vorhänge.
im behandlungsraum des zahnarzts: 6 fenster, alle um etwa 20° geöffnet, keine vorhänge.
im behandlungszimmer der ärztin: 3 fenster, alle um etwa 20° geöffnet, links von jedem fenster hängt ein zusammengebundener vorhang.
hinter den fenstern: bananenbäume, felder.

3 kopfbewegungen (oder: was uns bewegt):
1. nahaufnahme: ein mann sitzt vor der kamera. im raum eine frau, die fragen stellt, und ein anderer mann, der nichts sagt (der wartet). der mann vor der kamera beantwortet die fragen, die von der weiblichen stimme gestellt werden. sie sagt: drehen sie sich nach links. er dreht den kopf nach links.
2. halbtotale: ein mann und eine frau sitzen an einem tisch, unter bäumen. der mann (derjenige, der zuvor saß und wartete und schwieg) legt den kopf auf die tischplatte während sie (die zuvor befehlende stimme) von einem anderen mann erzählt, der orchideen züchtete…
3. schuss-gegenschuss: der mann, der zuvor fragen beantwortete, steht mit einer frau (einer anderen frau) vor einem fenster. sie stehen sich gegenüber, schauen sich an. sie senken ihre blicke, lächelnd. der erigierte penis hinter dem schwarzen stoff der hose wird zurechtgerückt.


sang sattawat (syndromes and a century), thailand 2006 (apichatpong weerasethakul)

05.07.2007

Edward Yang


6. November 1947 - 29. Juni 2007


27.06.2007

#13 (la naissance de l’amour) (rastlos)

schnelles treiben der kamera durch räume, deren anordnung ich nicht verstehe. trennwände, vorhänge, menschen, die sich bewegen, die handlungen durchführen, die ich nicht verstehe. zwei affen. es scheint ein ort des hastigen vergnügens zu sein. sind wir in einer spielhölle? sind wir in einem zirkus? ein vorhang fällt, die kamera eilt in einen anderen raum. plötzlich ist ein gesicht da, eine frau im hellen kimono, ein gesicht, auf das die kamera zu ruhen vorgibt. es ist das gesicht einer frau, die sich schminkt: ein ruheloses gesicht. die kamera verharrt vor diesem gesicht in ständiger bewegung.
/dann kommt ein schnitt, der zunächst nur als tonänderung vernommen wird: dasselbe gesicht, ungeschminkt, über einem dunklen kimono, in einem engeren raum, das gesicht selber jedoch genau im selben winkel, leicht nach links gewendet, wie aus der vorherigen einstellung übernommen. und genauso rastlos geht es weiter (geht es in ihr, in ihren erinnerungen weiter), das gesicht in einer kutsche geschüttelt. sechs menschen sitzen in der kleinen kutsche, die soeben von einem riksha überholt wird, worauf die fahrgäste sich beim kutscher beklagen, ihn auffordern, seinen ehrgeiz reizen, bis er zur peitsche langt. mit der beschleunigung werden die fahrgäste immer heftiger geschüttelt. das übermütige geschüttelt-werden bereitet ihnen freude. /schnitt: die kutsche steht am wegesrand. der kutscher hantiert mit seinem werkzeug. die fahrgäste necken ihn. die kutsche ist nicht zu reparieren. der kutscher soll in die nächste ortschaft fahren. er zäumt ein pferd ab, packt die junge frau auf das pferd, galoppiert weg. er bringt die junge frau in eine herberge und verschwindet.
(diese erinnerungen immer wieder unterbrochen durch das gesicht der sich schminkenden frau: tomo, die „wassermagierin“)

nach der aufführung findet tomo auf einer brücke nahe ihres hauses einen schlafenden mann: es ist der kutscher, von dem sie noch nicht weißt, das er kin genannt wird. er lehnt an der brüstung. sein gesicht ist halb im schatten. wir sehen es in manchen einstellungen auch ganz im schatten von tomos körper, unerklärlicherweise in manchen einstellungen auch ganz im licht. ich erinnere mich an eine vielzahl von einstellungen, frage mich, ob sie sich so viel zeit nimmt, bevor sie ihn weckt.
nach der aufführung ist ruhe in den film eingetreten. was folgt ist ein langsamer, behutsamer tanz der annäherung

…sie steht neben ihm, tritt nach hinten (tritt ins unscharfe), kehrt nach vorne zurück. sie sagt ihm, sie wolle ihm helfen…

…sie sitzen auf dem fußboden ihres hauses. er sitzt rechts, sie sitzt links, den körper 45° nach rechst gewendet. /zwischentitel: er fragt sie, was sie von ihm erwarte/ neue einstellung: jetzt sitzt er links, sie sitzt rechts, 45° nach hinten gewendet. die frage wird mehrmals gestellt, abweichend beantwortet. es folgt eine dritte einstellung: er sitzt hinten, frontal zur kamera, sie sitzt vor ihm, 45° nach hinten gewendet und zieht sich sogleich zurück: verschwindet hinter einen paravent am rechten bildrand. zwei mal, glaube ich mich zu erinnern, bückt sie sich nach vorne und ihr kopf erscheint hinter dem paravent. zuletzt beantwortet sie seine frage: was sie von ihm erwarte, sei nur ein wenig aufmerksamkeit.

er nimmt das angebot an, und danach wird es, wie der erste zwischentitel es angekündigt hatte, nur noch um geld gehen.


taki no shiraito (le fil blanc de la cascade) (the water magician) (white threads of the waterfall), japan 1933 (kenji mizoguchi)

22.06.2007

#12 (jede matratze ist ein versprechen)

es gibt zwei reglose körper, die eigentlich ein einziger körper sind. ein schauspieler für zwei körper, zwei körper für einen körper, oder doch nur einen körper, zwei zustände für einen körper (der eine versehrt, der andere verletzlich), zwei daseinsformen eines körpers (der eine viel jünger erscheinend als der andere), zwei fiktive körper für einen darstellenden körper, zwei körperfiktionen, also. ein körper, der wunsch- oder alptraum des anderen. der jünger erscheinende körper ist kahl geschoren, er liegt reglos in einem krankenhausbett: außer wenigen augenbewegungen völlig reglos. der andere etwas älter erscheinende körper trägt schnurbart, lange haare. er wird zu beginn des films verprügelt, daher das veilchen, das dem film seinen chinesischen titel gibt. er spricht nicht, er ist ausländer. er besitzt nichts außer seinen jeans, einem hemd, einer unterhose, schuhe, an die ich mich nicht erinnern kann. er ist chinese in kuala lumpur. er wird den raum, in dem der andere körper liegt, nicht betreten. sie werden sich durch die ritzen eines holzbodens erblicken.

(der erste körper wird gewaschen, eingeseift, seine zähne werden geputzt, mit etwas zahnpaste auf einem finger im gummihandschuh, er wird gedreht, am rücken eingecremt, besprüht, am bauch eingefettet und massiert, masturbiert, mit plastikfolie bedeckt.)
(der zweite körper wird auf der strasse gefunden, auf einer matratze durch die stadt getragen, in ein haus gebracht, auf die matratze gelegt. seine wunden werden versorgt, medikamente werden verabreicht. der körper wird gewaschen, aus- und angezogen (seine kleider werden gewaschen), er wird ernährt und beim urinieren wird ihm geholfen. er wird vor mosquitos geschützt, seine stirn wird gekühlt.)

um nicht einsam schlafen zu müssen, braucht man einen körper, mit dem man den schlaf teilen kann; man braucht auch einen ort, einen schlafplatz, der geteilt werden kann (man braucht eine matratze). beides verlangt arbeit: eine schwere matratze tragen ist wie ein regloser körper tragen. nein, es ist schwieriger: ein körper ist handlicher.
arbeit: eine matratze aus dem müll holen, die matratze durch die halbe stadt schleppen, die matratze waschen (bürsten), trocknen, besprühen, beziehen, für die matratze den richtigen platz finden.

die wege einer matratze durch kuala lumpur, durch die sehnsüchte 3 (oder 4) menschen. die zirkulation dieses kleinsten ortes.

das schöne ist: diesen ort gibt es.


hei yan quan (i don’t want to sleep alone), taiwan 2006 (tsai ming-liang)

03.06.2007

#11 (wie schnee oder regen)

sie faltet geldscheine auf wie briefe (wie jemand, der selten briefe erhält, briefe auffaltet).

(vagabundieren)
ein schatten, fast quadratisch, gleitet eine straße entlang. die einstellung umfasst den ganzen schatten, der sich gleichmäßig fortbewegt: den quadratischen schatten und um ihn herum am rand des bildes die von der sonne beleuchtete straße. die schritte, die der körper, von dem dieser schatten ausgeht, setzt, schreiben sich genau in diesen quadrat ein.
sie läuft auf ihrem schatten und beschreibt aus dem off diesen schatten wie eine kröte.

i fall too easily for men, heißt es mehrmals in den untertiteln.
sie hatte sich über daté lustig gemacht, hatte dann auch gesagt (als begründung, als entschuldigung): i fall too easily for men. sie steht im garten eines tempels. sie hält ihre hände zusammen. er steht ihr gegenüber, leicht versetzt, sodass wir seinen rücken sehen, ohne dass er sie hinter sich verbergen würde. in der perspektive der kamera steht er links von ihr. mit seiner rechten hand nimmt er ihre hände, und in dem augenblick, wo er sie berührt, erhebt sich ihr ganzer körper, nur sehr leicht, nur sehr kurz (ich würde sagen: kaum wahrnehmbar, aber das sage ich wahrscheinlich zu oft).
dann drehen sie sich um (also: vor allem sie). sie laufen nach hinten, nebeneinander.

später gibt es keinen garten mehr zu sehen (doch, aber ganz am schluss, im epilog).
zweimal sehen wir sie, wie sie nachts durch einen friedhof läuft.
in der nacht sehen wir nur weiße grabsteine und ihr bleiches gesicht.

(hideko takamine)
ihr seitenscheitel, der den kopf sehr rund erscheinen lässt.
ihr buckel: ein leichtes nach vorne gebücktsein.
ihr schmollen. ihr fatalistisches heben der linken unterlippe
ihre erzählende stimme aus dem off.

(weiße buchstaben)
sie sitzt vor einem gitter aus holzstäben. hinter dem gitter, eine straße, regen. sie sitzt träumend, das eine bein ausgestreckt.
dann wird die einstellung von weißer schrift bedeckt. wie ein regen auf dem bild, denke ich.
(meistens sind es straßenszenen, in denen texte von hayashi fumiko, der von hideko takamine verkörperten dichterin, eingeblendet werden)
die weiße schrift wie regen, denke ich also bei dieser einstellung (für mich, der diese schrift nicht liest). und dann denke ich kurz an den schnee im film von resnais (coeurs - herzen) (in diesem film schneit es bei jedem übergang von einer szene in die nächste. es schneit im wohnzimmer, es schneit in der bar, es schneit im büro…). statt schnee, hier, ein niederschlag von wörter auf das bild. in weißer schrift kalligraphierte dichtung als übergang von einer station zur nächsten im vagabundierenden leben der autorin. wobei, denke ich aber sofort, schnee ein eher unpassendes bild für diese gedichte ist: wenn, dann würde es doch eher um asche gehen (sie hat ja auch vor hohen feuerflammen gestanden und gezögert, ein manuskript zu verbrennen). asche. oder staub (anderseits: im film ist nur von müll die rede, wenn es um eine beschreibung ihrer gedichte geht… garbage, wie es in den untertiteln heißt). und dabei ist diese schrift so weiß.

sie sitzt schreibend an einem niedrigen tisch (unter einer lampe).
ihr gegenüber sitzt ein junges mädchen aus der bar: ihr zarter kopf auf schmalem hals, eine breite frisur tragend, und darunter: stoffkaskaden. ihr kimono und den stoff in ihren händen, an dem sie näht.
sie spricht von fumikos schönem gesicht beim schreiben
dann gibt es andere einstellungen, nahaufnahmen.
plötzlich erhebt sich neben fumiko, unter decken verborgen, ein körper (ein anderes mädchen aus der bar). sie erhebt ihren oberkörper, im schlaf, legt sich (fällt) sofort wieder hin.

einbrechen des unerwarteten.
nach einem streit mit fukuchi: hohe flammen im kleinen garten
(kurz blitzt der name buñuel auf)

(das einbrechen der prostituierten gegen ende des films)

in einem gedicht von ihr heißt es: wie ein ball im wind.

so hatte es übrigens angefangen: ein kleines mädchen schaut in die kamera, schaut und rennt weg, flieht.


hôrôki (aufzeichnungen über mein vagabundieren) (drifting), japan 1962 (mikio naruse)

11.05.2007

#10 (das bild (den körper) teilen)

(tiefenschärfe)
nach der schießerei: sie teilen sich das bild, die einstellung. sie sehen sich nicht (keiner sieht den anderen). der blonde (lee) (genannt the fire) steht auf der straße, an der wand neben der haustür gelehnt. dieses stück wand mit seinem oberkörper nimmt die linke hälfte des bildes ein. rechts davon die offene haustür, eine treppe. der dunkelhaarige (bucky) (genannt the ice) steht oben, am ende der treppe, vor einer tür im ersten stock.
nachdem er (bucky) mit der dunkelhaarigen frau geschlafen hat: er ist aus dem haus gerannt. er steht im garten. hinter ihm das haus, die dunkelhaarige (madeleine) ist am fenster, schaut aus dem fenster und schließt es. – unter dem blick der blonden (kay), die sagt: „sie sieht aus wie das ermordete mädchen… du spinnst.“
tiefenschärfe als instrument eines split screens in einem bild: eine kontinuität erzeugend, wo sie nicht ist: im nebeneinanders der schärfe des nahen vordergrund und des entfernten hintergrunds. (die physiologische unmöglichkeit diesen blicks)

davor (jedoch nach der schießerei), im haus des blonden (lee): sie (kay) steht im ersten stock, am ende der treppe, sie trägt eine unterhose, ein offenes nachthemd. sie stellt sich – den blicken des dunkelhaarigen bucky.

(schuss-gegenschuss mit einer toten)
er: sitzt im polizeigebäude. die bräunlichen töne dieser räume. er raucht. konzentrierter blick.
sie: steht sitzt kniet hockt in schwarz-weißen bildern. rechts und links des circa rechteckigen bildes, 2 graue streifen. sie spricht, antwortet auf fragen. sie lacht, schmeichelt, weint.
ein reines gegenüber, in keinem bild zu vereinen.

lees körper und der körper des mörders, der mit dem strick an seinem hals hängt, kippen über die brüstung: ein geschoss im treppenhaus. sie fallen kopfunter im treppenhaus. ein sturz in mehreren einstellungen (in gemäßigter zeitlupe), von unten, von oben. ein fallen ohne beschleunigung: kein fallen, eher eine fahrt. fahrt nach unten, zum springbrunnen auf den der kopf des mörders zerschmettert wird. – unter dem blick des dunkelhaarigen bucky. („ich war wie gelähmt“)
(„viscosité du temps“. hier ein sehr schöner text von j.s. über das herzzerreißende mancher zeitlupen in filmen von de palma)
(the black dahlia, muss ich nun hinzufügen, lässt einen eher kalt)


the black dahlia, usa 2006 (brian de palma)

08.05.2007

#9

ungeschminkte straßen (so sagt eine weibliche stimme aus dem off): tagsüber ungeschminkte straßen. wir sehen eine breitere, dann eine engere straße, geschäftige passanten. die häuser sind mit leuchtreklamen bepflastert. leuchtreklamen, die, weil tag ist, nicht leuchten. wir sind im viertel ginza. ginza ist (oder war) das vergnügungsviertel tokyos. das viertel, wo geschäftsmänner in bars einkehren, um von schönen frauen getränke eingeschenkt zu bekommen. wir sind in ginza zu einer tageszeit, wo noch keine kunden in ginza sind. und die weibliche stimme aus dem off, die hier anfängt ihre geschichte zu erzählen, benutzt folgendes bild: die bars / die straßen in ginza zu dieser tageszeit wie ungeschminkte gesichter.

gegen anfang des films bleibt die kamera zwei mal hinter ihr, hinter ihrem rücken, wartet bis sie den kopf zur seite dreht.
das erste mal: sie läuft, mit dem manager, über eine brücke. er bleibt stehen, die kamera bleibt auf seiner höhe stehen und sie macht noch ein paar schritte. wir sehen sie von hinten, wie sie noch ein paar schritte macht und dann stehen bleibt an der brüstung. sie schaut erst auf das wasser (oder: auf die schienen. oder was auch immer. ich kann mich nicht erinnern. sie schaut auf das überbrückte (und ich würde vermuten: sie sieht nicht mehr, als ich in meiner erinnerung)) und dreht dann ihren blick nach rechts, sodass wir ihr gesicht, ihr profil entdecken. sie sagt dabei: „ich hasse schnaps. ich muss jeden tag schnaps trinken, wegen der kunden, und ich hasse es“.
das zweite mal: kurz danach. eine enge straße in ginza. eine leiche wird getragen. die leiche eines mädchens. an einer kreuzung steht ein krankenwagen, davor eine kleine menschenmenge. sie steht auch da, blickt auf den krankenwagen. wir sehen sie, im vordergrund, ihren rücken, neben ihr eine zweite frau, mit der sie spricht, dahinter der krankenwagen, in den die leiche gebracht wurde. der krankenwagen fährt nach links ab. sie folgt ihm mit ihrem blick, dreht den kopf nach links, sodass wir ihr gesicht, ihr profil entdecken. sie sagt dabei nichts.

ungeschminkt: der film.
ein geschminktes gesicht, ein ungeschminktes gesicht. ein film über / um ein gesicht (und hier sei vermerkt wie schön das gesicht der hideko takamine ist). um viele gesichter: mit schminke, ohne schminke. ein gesicht ist eine fläche. ein film über / um / aus flächen, nebeneinander gestellt. gesichter, flächen, fassaden.
ungeschminkt gewissermaßen wie unschön, im sinne wo ein gesicht, das sich täglich schminkt, ungeschminkt unschön wirken würde.
oder ungeschminkt auch wie halb geschminkt. verwischte schminke.
nebeneinander gestellte gesichter, weil nebeneinander gestellt wird, was nebeneinander ist.
der film wandert von einer bar in die nächste. mädchen sitzen in einer bar, reden über sie, über ihre abwesenheit, dass sie mit dem boss einen termin hat. und dann sitzt der boss in einer bar, sie kommt herein…

sie wird krank. und zum ersten mal sieht man eine art landschaft, ein stadtbild mit offenem horizont. kleine häuser an einer wasserfläche. sie wohnt bei ihrem bruder, wo man das plätschern des wassers hören kann.
doch schnell versteht man: im haus des bruders ist es noch stickiger als in den bars in ginza.

ich erinnere mich an ein drittes mal (es gibt noch andere male, nur, ich kann mich eben an diese 3 male erinnern), wo sie mit dem rücken zur kamera steht und den kopf zur seite dreht, uns ihr gesicht entdeckt: in ihrer wohnung. der bruder ist da, der betrüger wird in wenigen augenblicken klingeln. sie steht in ihrem zimmer (sie wird in wenigen augenblicken weinen). sie dreht sich mit zorn nach links. sie sagt: „ich bin eure beute“.

das erste mal bei ihr zuhause hatten wir sie mit der jungen yuri gesehen. sie hatten zusammen gefrühstückt. sie hatte ihr von ihrer einsamkeit erzählt. von ihren tricks gegen einsamkeit (der alkohol…). sie hatte beim erzählen unentwegt gelächelt.

traurig, dachte ich, von anfang an todtraurig. eine ungeschminkte traurigkeit.
die dauer des films ist die zeit, die nötig ist, um die fläche dieser traurigkeit zu bemessen.

der breite stoffgürtel, den japanische frauen um ihren kimono tragen, wird obi genannt.
wenn sie nach einer langen nacht zuhause ankommt, wenn sie aus der bar in den hinterraum flüchtet, wenn sie schnaps getrunken hat, knetet sie mit ihren händen am vorderen teil dieses gürtels. sie drückt auf ihn, drückt dabei auf ihren bauch. sie windet dabei ihren oberkörper. sie zieht und drückt. sie kämpft mit einem stück stoff, das sie sich um die hüfte gebunden hat.


onna ga kaidan o agaru toki (wenn eine frau die treppe hinaufsteigt), japan 1960 (mikio naruse)

26.04.2007

#8 (trauer) (teil 2)

1:27:08
/sand. fast die hälfte des bildes nur sand: das sandige ufer eines flusses. krähen, im hintergrund, am flussufer 2 hockende figuren. hinter dem wasser grünes gebüsch/
/45° von hinten links: eine frau und ein mann hocken im untiefen wasser. sie wäscht gemüse, er wäscht zwei lange holzstäbe, die in dem sand stecken/
schuss-gegenschuss (die frau von 90° rechts, der mann von 90° links)
in der ersten einstellung beginnt sie zu sprechen. sie schaut zunächst nach unten, auf das gemüse, das sie gerade wäscht. dann erhebt sie den kopf und dreht ihn nach rechts zu dem mann/der kamera.
in der zweiten einstellung antwortet er und erhebt dabei seinen kopf, der auf seine im wasser arbeitende hände gerichtet war, und dreht ihn nach links zu der frau/der kamera.
sie sprechen über die vielen krähen, ein zeichen, dass eine beerdigung stattfinden würde, und wundern sich, aus dem krematorium keinen rauch aufsteigen zu sehen.
in der vorletzten einstellung dreht der mann seinen kopf wieder nach vorne, von der frau weg.
in der letzten einstellung macht die frau dieselbe bewegung.
/45° von hinten links: die frau und der mann hocken im untiefen wasser. sie nehmen ihre arbeit wieder auf/
/das menschenleere flussufer. 3 krähen. hinter dem gebüsch am gegenüberliegenden ufer des flusses ein kamin aus rotem ziegel/
/nahaufnahme: blauer himmel, der kamin/
1:27:54

1:29:23
/ein friedhof. angereihte grabsteine. hinter den gräbern, ein deich. auf dem deich laufen, von links nach rechts, 2 frauen, identisch gekleidet in schwarzem kimono. sie laufen nebeneinander, machen halt. sie kehren der kamera den rücken, gehen, nebeneinander, synchron in die hocke/
/45° von hinten rechts: die beiden identisch gekleideten frauen (sie sind schwestern) hocken am rand eines weges. genauer gesagt kommen sie in die hocke an, beenden die in der vorherigen einstellung von weitem beobachtete bewegung. sie blicken nach vorne. die ältere schwester beginnt zu sprechen. sie wendet dabei den blick auf ihre schwester/
schuss gegenschuss (die ältere schwester von 90° rechts, die jüngere schwester von 90° links)
sie sprechen von den zukunftsplänen der jüngeren schwester, von wichtigen entscheidungen. die jüngere schwester sagt: „ich zweifle“. und dann entscheidet sie: „ich werde nach sapporo fahren.“
in der letzten einstellung nickt sie, dreht danach den kopf langsam nach vorne.
/45° von hinten rechts: die ältere schwester dreht ihren kopf nach vorne. nach einer kurzen pause schauen sie sich kurz an und beginnen dabei, sich wieder langsam aufzurichten. sie schauen wieder nach vorne/
/vorne die grabsteine, hinten der deich auf dem sich 2 schwarze figuren langsam aufrichten, nebeneinander, synchron/
1:31:02

(trauergesellschaft)
1:33:48
/45° von vorne links: die dritte schwester. sie trägt einen schwarzen kimono. sie kniet hinter dem tisch, vor ihr auf dem tisch eine graue tasse auf einer schwarzen untertasse. hinter ihr eine grau blaue wand, links hinter ihr auf einem regal eine vase im selben grau wie die tasse auf dem tisch. ein kaum wahrnehmbares zucken in ihrer rechten wange. dann wischt sie sich mit einem tuch unter das linke auge. und dann schluchzt sie. sie führt ihre linke hand mit dem taschentuch auf ihren mund. ihr kopf fällt nach vorne/
1:34:00
/eine andere frau sitzt am selben tisch. wir sehen sie im profil, von ihrer linken seite. im vordergrund eine ecke des tisches. hinter ihrem rücken, auf der rechten seite des bilds die grau blaue wand, vor ihr, auf der linken seite des bilds, ein innenhof: eine wand aus holz, hinter der eine rote mauer aus ziegelsteinen ragt, davor rote blumen. sie dreht den kopf langsam nach rechts und nach oben. sie hat etwas gesehen. sie schaut nach links, in den raum rein, schaut wieder nach rechts. sie erhebt sich/
1:34:08
/im vordergrund der tisch mit der trauergesellschaft, im hintergrund die öffnung zum hof. die frau, die an der schwelle zum hof saß, erhebt sich. sie tritt in den hof. alle gäste erheben sich, bewegen sich auf den hof zu/
1:34:23
/aus dem kamin aus rotem ziegel quillt weißer rauch/
1:34:28

1:35:17
/die sandbänke am ufer des flusses. krähen. hinter den büschen des gegenüberliegenden ufers der kamin aus rotem ziegel, aus dem weißer rauch quillt/
/45° von hinten links: die frau und der mann hocken im untiefen wasser. sie wäscht gemüse, er wäscht 2 lange holzstäbe. sie schaut nach oben. sie erhebt sich/
/die frau von 90° rechts: sie beginnt zu sprechen. sie schaut kurz nach rechts zu dem mann, lässt ihren blick ansonsten nach vorne gerichtet/
/der mann von 90° links: er antwortet und erhebt dabei seinen kopf, der auf seine im wasser arbeitende hände gerichtet war, und schaut nach vorne. er erhebt sich/
/45° von hinten links: die frau und der mann stehen im untiefen wasser. sie reiben sich die hände/
/das menschenleere flussufer. 3 krähen. hinter dem gebüsch am gegenüberliegenden ufer des flusses der rauchende kamin aus rotem ziegel/
schuss-gegenschuss (die frau von 90° rechts, der mann von 90° links)
sie sprechen im stehen, den blick nach vorne gewendet.
in der vorletzten einstellung sagt er einen längeren satz, mehrere sätze vermutlich. es sind rhythmische worte, ein spruch oder ein gedicht. silben wiederholen sich. in der übersetzung steht nur: die alten sterben, die jungen nehmen ihre plätze. er blickt beim sprechen unentwegt nach vorne. zu beginn der einstellung liegt seine rechte hand auf der linken hand vor seinem bauch. die handfläche ist dem himmel zugewendet. nach der letzten silbe, die er spricht, bleibt sein mund offen.
in der letzten einstellung lächelt die frau. sie antwortet dem mann. sie sagt, so sei eben die welt. ihr lächeln blüht beim sprechen auf. als wäre dieser satz ein glück. als wäre das aussprechen diesen satzes ein glück. lächelnd bückt sie sich, geht wieder in die hocke.
/45° von hinten links: die frau und der mann gehen wieder in die hocke, kurz versetzt, und nehmen ihre arbeit wieder auf. der mann wischt sich mit einem feuchten tuch den nacken/
1:36:28


kohayagawa-ke no aki (der herbst der familie kohayagawa) (dernier caprice) (the end of summer), japan 1961 (yasujirô ozu)

23.04.2007

#7 (schläfrig)

rosa
sie steht hinter der theke. sie trägt ein helles kleid. auch ihre lockigen haare sind hell. sie bleibt hinter der theke stehen. sie ist ein oberkörper über der theke, ein heller oberkörper: 2 arme, ein kopf. sie ist das bescheidene mädchen.

raquel
sie kommt hereinspaziert. sie läuft in das café. man sieht hinter einem fenster, wie sie die straße entlang geschlendert kommt. dann erscheint sie in der tür des cafés, dreht sich nach rechts, um in das café einzukehren, und wippt bei dieser drehung mit den hüften. sie trägt eine weiße bluse und eine schwarze, eng anliegende weste. ihr lockiges haar ist schwarz. sie trägt einen kleinen schwarzen hut, der quer über ihre stirn geht. natürlich raucht sie. sie tanzt auch. sie ist die femme fatale.

die männer tragen alle anzug und hut. nur der helligkeitsgrad der anzüge (im schwarz-weißen bild) variiert. unter den tief getragenen hüten sind sie kaum zu unterscheiden. außer natürlich dem helden carlos (carlos gardel) und seinem freund linares.
die haupteigenschaft der männer ist, dass, wenn eine frau alleine vor einer tür oder theke steht (wenn rosa alleine vor der tür des tanzsalons in buenos aires steht, wenn raquel alleine am rande der tanzfläche desselben lokals steht, wenn rosa alleine vor der tür eines séparées desselben lokals steht, wenn raquel alleine vor der theke des new yorker lokals steht…), ein mann (mindestens ein mann) mit hut und anzug erscheint, der fragt, ob die frau alleine sei, fragt, ob die frau etwas trinken wolle, fragt, ob die frau tanzen wolle. und nicht immer auf ihre antwort wartet.

„solita?“

kein wunder, unter solchen bedingungen, dass es unter den männern zu handgreiflichkeiten kommt. mit folgenden waffen: messer, flasche, revolver.

kein wunder auch, dass die frau hinter der theke am sichersten bewahrt bleibt. treu und geborgen.

so geht es also in buenos aires. und so geht es in paris weiter, so geht es in new york weiter. zwischendurch schlafe ich (und bin mir letzendlich nicht sicher, was in paris, was in new york geschieht, und ob der held wirklich nach new york kommt).

zum schluss wird buenos aires besungen und wieder erreicht.
dort wartet rosa, hinter einem vorhang hinter der theke.


cuesta abajo (abwärts), usa 1934 (louis j. gasnier)

13.04.2007

#6 (l'enfer des sables)

(auf der insel)
er sitzt auf einer niedrigen mauer, hinter ihm das meer. und plötzlich merkt man: sein atem stockt (zumindest habe ich es plötzlich bemerkt, vielleicht auch nur, weil ich erst auf das meer schaute, zerstreut war…). man merkt, sein atem stockt. er atmet ein, und bei jedem einatmen scheint es, die luft würde stecken bleiben. der kopf (gewissermaßen der obere teil des kopfes) erhebt sich dabei leicht (als würde also der kiefer unbewegt bleiben): bei jedem atemzug dieses stockende erheben des kopfes. man versteht diese bewegungen nicht (und deshalb, vielleicht, nimmt man sie erst mit verspätung wahr). atemnot, schluchzen?
dann steht er auf, steht unbeholfen. der oberkörper scheint auf den beinen sein gleichgewicht zunächst suchen zu müssen (ich weiß nicht, ob das einer tatsächlichen bewegung des oberkörpers entspricht). ein unbeholfener körper in einer uniform, die die proportionen verzerrt und den eindruck der unbeholfenheit und ungelenkigkeit nur verstärkt. die unteren knöpfe des schwarzen fracks liegen weit oben auf dem bauch, die schultern mit den üppigen epauletten sind breit: ein kurzer, breiter oberkörper hält sich über lange weiße beine, die erst über die knie: über die langen, steifen stiefeln beginnen, und wird oben beendet mit hohen epauletten und einem steifen kragen, aus dem kein hals herausragt, sondern gleich: der kopf. ist das ein burlesker körper? oder der pathetische kampf des körpers (seiner instinkte) gegen die (uni)formen, die ihn bezwingen?
er ist also aufgestanden. er steht da, am meer, und dreht sich um sich selber, d.h. tritt humpelnd im kreis, auf unebenem boden. er geht, links.

(im salon)
„…on ne saurait mieux empocher sa tabatière.“
sie grüßt nach rechts, doch hält sich nicht auf, geht weiter, wendet dabei den kopf und wirft ein wort nach links. sie ist ein vor- und rückschreiten, ein wenden und drehen ohne unterbrechung. in ständiger, geschmeidiger bewegung zeichnet sie mit ihrem körper arabesquen durch den salon: mit ihrem ganzen körper – ein ständiges wenden nicht nur des kopfes, ein drehen um die eigene ständig in bewegung gehaltene achse. sie sagt ein wort nach da, geht dabei vorbei, dreht sich um den adressaten und sagt schon ein zweites wort nach dort, „ma tante…“, und sie schreitet auch schon in die entgegengesetzte richtung weiter. der hals als grazilsten ausdruck ihrer fließenden präsenz.

(darum wird es also gehen: der hals. alles dreht sich um den hals, den bezaubernden hals der jeanne balibar, den verborgenen hals des guillaume depardieu.
der ursprung allen unglücks: sie ist nur hals, er hat keinen)

(in ihrem boudoir)
plötzlich bewegt er sich nach links. wie ein geschoss bewegt er sich plötzlich nach links. der oberkörper leitet die bewegung – ein stürzen nach links, und dann ein undefinierbares räuspern, zu lang für ein einfaches husten. er dreht sich nach rechts, dreht sich um sie. „wie soll ich es sagen, dass ich sie liebe…“

sie steht am kamin, er steht zu ihrer rechten seite. sie blickt abseits, nach links. langsam wendet sie ihren blick ihm zu und macht zeitgleich schritte nach hinten. dämpft, indem sie zurücktritt und so die entfernung vergrößert, die intensität des blickes.

sie sitzt nach links gewendet an ihrer kommode. in zügigem rhythmus macht sie sich mit einem fächer luft. sie wird beim fächern immer langsamer, legt den fächer ab. langsam dreht sie sich auf ihrem hocker. sie dreht sich um 180 grad, beugt sich dabei leicht nach vorne (am ende der bewegung also nach rechts auf der leinwand). sie stürzt sich nach rechts, dem umschlag, den sie zerrissen hatte, zu.


(stimme von jeanne balibar)
„en vérité, monsieur le marquis, vous regardez mon cou d’un air si mélodramatique […] qu’il me semble vous voir une hache à la main.“

(la contredanse)
sie steht im tanzsaal, entrückt. ihre blicke: verloren. die schnellen körper der tänzer durchqueren im vordergrund das bild. ihr verlorener, wandernder blick im hintergrund. dann wird sie bei der hand genommen: ein tänzer nimmt sie selbstverständlich bei der hand, reißt sie aus der starre. sie tanzt, immer schneller. sie wird selber zu einem dieser schnellen körper im tanzsaal.

sie versteift.
das fließende ihres schreitens durch die pariser salons ist geschwunden.

(in seiner kammer)
und da sitzt er nun in einem stuhl oder sessel. in meiner erinnerung hält er sich mit einer hand das kinn. gedankenvoll, ein starren. in meiner erinnerung (so der eindruck, den er mir hinterlassen hat), sackt er, wenn er sitzt, immer zusammen, sackt sein oberkörper zusammen (keine spur eines halses, wenn er sitzt). das von oben einfallende licht lässt seine augenhöhlen im dunklen, nicht nur die augenhöhlen: sein augenbrauenbogen zeichnet einen markanten wulst, der nicht nur die augen, auch den ansatz der nase im dunkeln verweilen lässt. es scheint, unter dem massiven stirnbein würde sich etwas entziehen: ein zentraler ort, der im dunkeln bleibt.
wenn er sich nach links dreht (oder war es nach rechts?), um auf die uhr zu schauen, sieht man am unteren rand der rechten (oder linken?) wange eine lange narbe.

elle pleura quand elle atteignit le boulevard d’enfer. là, pour la dernière fois, elle regarda paris fumeux, bruyant, couvert de la rouge atmosphère produite par ses lumières…

irgendwann zwischendurch hatte man gesehen: schwarze leinwand und zwischen gedankenstrich und punkt zwei wörter
- en vain.


ne touchez pas la hache, frankreich 2007 (jacques rivette)